Die Auktion
„Unser nächstes Objekt, sehr geehrte Bieter, ist die Originalgrafik aus dem berühmten Kinderbuch Die Heimkehr. Sie wurde 1953 von dem damals noch unbekannten Illustrator Edward Linnes als Gefallen für seinen Freund und Autor Finneas George angefertigt. Der Erfolg des Buches kam auch Linnes zugute und er erlangte Weltruhm als Künstler.“
Der Auktionator machte eine Kunstpause, um dem Publikum einen Augenblick zu geben, das Gehörte zu verarbeiten. Schließlich war nur ein aufgeräumter Geist bereit, die gewünschte Summe locker zu machen.
„Wir erinnern uns gemeinsam kurz an diese letzte Szene der Geschichte, als das Waisenkind Ophelia am Ende ihrer Reise ein Zuhause findet. Wie sie von Malina und Frederik in ihr wunderbares Heim aufgenommen wird. Sie sitzt in ihrem Zimmer und blickt auf den See. Der volle Mond steht am Nachthimmel und sein Schein spiegelt sich auf dessen Oberfläche. Er verspricht eine Zukunft, in der sie nicht mehr fliehen muss. In der sie zur Ruhe kommt. In der sie zur Schule gehen und lesen lernen kann.“
Erneut gab er den Anwesenden Zeit, sich an ihre Kindheit zu erinnern und Zugang zu den Emotionen zu finden, die mit dieser Geschichte verbunden waren. Jeder hatte diese Geschichte gelesen. Die emotionale Seite einer Auktion war nie zu unterschätzen.
Ophelia hatte es gewusst! Er war wie all die anderen.
„Was für ein Bullshit! Ich weiß nicht, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, dass ich nicht lesen kann. Warum meinen die Leute denn, dass hier nachts noch das Licht brennt? In dieser gottverlassenen Gegend kann man nichts anderes tun, außer zu lesen. Und von wegen Schule! Die nächste Schule ist über zwei Stunden Fußmarsch entfernt und so was wie einen Schulbus gibt es nicht. Also werde ich von den beiden unterrichtet. Ich hoffe, jeder kann sich vorstellen, wie die Lektionen zweier religiöser Hinterwäldler aussehen. – Ich mache hier auch mal eben eine Kunstpause, damit sie ihre Vorstellungskraft aktivieren können!“
„Linnes wählte die verschiedenen Blautöne in der Absicht, ihre Symbolkraft mit der Bedeutung der Geschichte zu verknüpfen. So versinnbildlichen sie Ruhe, Vertrauen und Harmonie. Durch die Bildkomposition schafft er es, gleichzeitig ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit und trotzdem Weite und Freiheit zu vermitteln. Das Wasser verspricht Leben, Erneuerung und Transformation. Im Ganzen zeigt sich hier der spirituelle Ort, an dem Ophelias Reise endet, da ihre innere Wandlung vollzogen wurde.“ Er sah, wie sich eine ältere Dame in der ersten Reihe eine Träne aus den Augen wischte. Er lächelte ihr verständnisvoll zu. In Gedanken überlegte er bereits, wofür er seine Provision ausgeben würde.
„Was für ein prätentiöser Mist! Heimat und Geborgenheit. Seit siebzig Jahren höre ich mir an, wie die Leute vor diesem Bild stehen und sich über mein Leben unterhalten, ohne wirklich hinzusehen. Blau ist im Übrigen auch die Farbe von Trauer, Lüge und Täuschung. Und sie ist eine kalte Farbe. Genau das ist es hier! Arschkalt. Fällt den Lesern eigentlich nie auf, dass hier keine Blätter an den Laubbäumen sind? Es ist November. Hier ist seit Jahrzehnten November und ich friere mir den Hintern ab. Das bedeutet im Übrigen auch, dass man nicht schwimmen gehen kann und sich das Wasser im Kessel erhitzen muss. Also stehen wir morgens früh auf, um Holz zu hacken, damit wir uns waschen und den Kamin anfeuern können. Unser idyllisches Heim hat übrigens weder Doppelverglasung, noch fließend Wasser. Ich feiere jeden Tag, den ich nicht auf das Dach steigen muss, um heruntergefallene oder verrottete Schindeln zu ersetzen.“
„Das Startgebot liegt bei 30.000 Dollar.“ Der Auktionator lächelte und schwang sein Hämmerchen einmal im Kreis, um die Masse zum Bieten aufzufordern. „Ich sehe ein erstes Gebot. 35 von der Dame in Gucci. 40 von dem Herrn mit dem außerordentlich guten Geschmack. Höre ich 45? 45 von der Dame mit dem Pudel…“
„Das, was in einer Geschichte nicht erzählt wird, ist das Wichtige. Sie haben sich ein Zuhause für mich gewünscht? Ich hätte lieber meine Freiheit gehabt. Dieser dunkle Kasten in der Einöde ist nur ein weiteres Gefängnis.“