Dosenbier und Chips
Milla saß auf der Couch mit der Chipstüte neben ihr als Ben zur Tür hereinkam. Sein Karohemd trug er offen über seinem Band T-Shirt. Nirvana. Er stellte seine Gitarre in die Ecke und stockte, als er sie entdeckte.
„Was machst du schon zu hier?“
„Oh, nette Begrüßung“, fauchte sie ihn an.
Er hob abwehrend die Hände. „Sorry, ich bin halt überrascht. Es ist gerade mal Mittag. Ist was passiert?“ Ohne Millas Antwort abzuwarten, ging er in die Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank.
„Muss das sein?“ Ihr Blick fiel auf die Dose.
„Willst du auch eins?“
„Nein.“
Ben zuckte nur mit den Schultern und setzte sich zu ihr.
„Warum musst du jetzt schon Alkohol trinken?“ Ihr Ton blieb vorwurfsvoll.
„Warum bist du schon zu Hause?“ fragte er mehr neugierig als alles andere.
„Mir ging’s nicht gut,“ erklärte sie.
Sein Blick wanderte zu den Chips. „Aber jetzt geht‘s wieder?“
„Ja, jetzt geht‘s wieder“, zischte sie. „Also? Warum das Bier?“
Er strich sich durch die Haare, die ihm ins Gesicht gefallen waren. „Der Gig am Wochenende wurde abgesagt. Das bedeutet wahrscheinlich, dass auch die fünf im Sommer geplanten ausfallen.“ Er seufzte und nahm einen tiefen Zug seines Getränks.
Milla wusste, wie sehr ihn das enttäuschen musste, allerdings konnte sie darauf gerade keine Rücksicht nehmen.
„Dann wird‘s jetzt Zeit, dass du dir einen festen Job suchst.“ Sie wusste, wohin diese Forderung sie beide führen würde. Egal.
„Was? Spinnst du? Ich mach’ doch nicht so ’nen spießigen Bürojob. Ich hab‘ dir immer gesagt, dass ich Musiker bin.“ Er klang ehrlich entsetzt.
„Du meinst, so wie mein Job?“ Sie funkelte ihn an.
Er ruderte sofort zurück, als er die Wut in ihrer Stimme bemerkte. „Nein, das meinte ich nicht. Aber für mich ist das einfach nix.“
„Ach, du meinst, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als diesen fucking Bürojob? Aber woher meinst du denn, kommt das Geld für die Miete, Nebenkosten, Essen und dein scheiß Bier?“ Milla wurde mit jedem Satz lauter.
„Hey, ich arbeite auch und trage was bei“, antwortete Ben beleidigt.
„Stimmt ja, dein 500 Euro Job an der Tankstelle, von dem aber nur ungefähr die Hälfte jeden Monat reinkommt, weil du deine Schichten absagst, wenn du was Besseres vorhast. Meinst du den Job?“ Milla war aufgesprungen.
„Was soll denn der Scheiß auf einmal? Das hat dich bis jetzt doch auch nicht gestört. Ich hab’ dir immer gesagt, dass ich Musiker bin. Wenn du ’n anderes Leben willst, dann such dir ’nen anderen.“ Milla dachte kurz darüber nach. Er hatte nichtmal den Anstand gehabt, auf ihr Argument einzugehen.
„Du bist so ein Arschloch. Ich will, dass du dich ab sofort mit der Hälfte an allem beteiligst. Wie du das anstellst, ist mir egal. Ansonsten kannst du deine Sachen nehmen und dich verpissen. Und mit der Hälfte meine ich finanziell und im Haushalt. Damit das klar ist.“ Der scharfe Unterton ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. Diesmal würde sie nicht wieder einknicken, wenn er mit seinem Traum und seiner sensiblen Künstlerseele käme, die bei einem nine-to-five Job verkümmern würde.
„Fuck you!“ schrie er.
Sie lachte. „Fuck you? Das ist alles, was dir dazu einfällt. Kein Wunder, dass euch niemand engagiert, wenn eure Texte ähnlich eloquent sind.“ Sie wusste, dass es ein Tiefschlag war, aber sie konnte nicht anders. „Pass mal auf, du…“, sie verkniff sich ihn Pisser zu nennen. Eventuell überschritt sie damit eine Grenze und sie war sich noch nicht sicher, ob sie das wollte. „…Idiot. Ich spiel’ hier nicht länger die Mutti in unserer Beziehung. Werd erwachsen und krieg deinen Scheiß auf die Reihe.“ Damit warf sie ihm das Teststäbchen in Schoß und ging ins Bad, um sich zu übergeben.