Camper-Drabble
Eine Geschichte in 100-Wort-Schritten
Jeden Dienstag gibt es auf Instagram drei Wörter. Dazu schreibt Charlotte 100 Wörter. Daraus ist diese Geschichte geworden.
Ich wusste leider nicht, wann es sinnvoll war, jemandem einen Gefallen zu tun und wann nicht. Also stand ich hier auf diesem verschissenen Campingplatz und versuchte bei Windstärke zwölf das Zelt aufzubauen.
„Das wird ganz toll“, hatte er gesagt.
Jetzt kämpften wir im Orkan mit der Plane, den Zeltstangen und dem Gepäck. Romantik war anders.
Und genau da lag mein Schwachpunkt. Ich fand ihn toll und hatte mir einreden lassen, dass so ein Wochenende zu zweit im Zelt mit Lagerfeuer und ein paar Spielen total viel für die Bindung machte.
Hmh. Fand ich auch. Schneller konnte sie sich kaum auflösen. Ein Windstoß erfasste die Tasche und schleuderte sie in den See. Ich sah wie die Karten, Figuren und Spielbretter untergingen. Zwischen ihnen trieb die kleine Sanduhr. Jammerschade. Wirklich.
Es war kaum zu glauben, aber dieser Typ war doch tatsächlich in den See gesprungen, um die scheiß Brettspiele zu retten. Ich stand fassungslos am Ufer im Regen und blickte ihm hinterher. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Was bitte stimmte nicht mit ihm? Und was bitte stimmte nicht mit mir? Ich hätte schon längst im Auto auf dem Weg zum nächsten Hotel sein sollen. Mit Sauna und Wirlpool. Das würde allerdings bedeuten, dass ich ihm jetzt die Schlüssel und sein Auto klauen müsste, und ich war mir nicht sicher, ob ich so herzlos sein konnte.
Sein Engagement war schon beeindruckend und er tat mir ein bisschen leid, weil er sich so abmühte, mir zu imponieren, und es so kläglich misslang. Der See war garantiert arschkalt.
Er hatte es geschafft, das Zelt aufzubauen, das mit Wohlwollen zwei Hobbits Platz bot, und trocknete die Spielkarten an dem kleinen, traurigen Feuer. Der Uhu verklebte ihm die Finger, als er versuchte, die Sanduhr zu reparieren.
Ich seufzte innerlich und überlegte, ob der Weg zu Fuß durch den Wald wohl schlimmer sein konnte als das hier.
Ich hatte mich dagegen entschieden, sein Auto zu klauen oder nachts durch den Wald nach Hause zu laufen. Wahrscheinlich würde ich das noch bereuen. Er hatte uns eine Suppe über dem popeligen Feuer warmgemacht, und auch wenn es kein kulinarischer Hochgenuss war, wärmte sie mich immerhin etwas auf.
Nun saß ich in meinem Schlafsack verschnürt in dieser Dackelgarage und starrte durch das kleine Plastikfenster hinaus auf den See.
„Das ist wirklich der perfekte erste Kurzurlaub zusammen“, kam es von der Seite.
Mein Blick wanderte zu ihm. „Sarkasmus?“ Ich musste einfach fragen. Die Alternativen, die mir auf der Zunge lagen, hätten ihn vernichtet.
„Was? Nein. Wir beide hier. Allein in diesem kuscheligen Zelt. Der Schnee …“
„Was?“ Mein Kopf ruckte herum. Dicke Flocken fielen und begannen, die Überreste des braunen Rasens zu bedecken. Wie schlimm konnte es noch werden? Ich hätte nicht fragen sollen.
„Es ist wie im Märchen. Ein kleiner verwunschener Ausflug mit der Frau, in die ich mich verliebt habe.“
Mir platzte der Kragen. „Es ist der Anfang eines Horrorfilms. Zwei Menschen allein auf einem Campingplatz im November. Und wenn es etwas ist, dann nicht verwunschen, sondern verflucht. Verflucht kalt, verflucht langweilig und verflucht noch mal nicht schnell genug vorbei.“
Am nächsten Morgen wachte ich auf, durchgefroren und schlecht gelaunt.
„Guten Morgen“, erklang es fröhlich neben mir. Meine Zähne klapperten als Antwort. „In einem Pärchenschlafsack wäre dir nicht so kalt geworden.“
Doch! So ein toter Körper kühlte schneller ab, als man dachte. Ich seufzte aber nur, statt den Tag gleich mit einem Mord zu beginnen.
„Darf ich dir eine koffeinhaltige Bohnensuppe reichen?“ Er lachte.
„Was?“ Mein genervter Ton war nicht zu überhören. Meine Geduld hatte ich bereits gestern verloren.
„Na, Kaffee!“ Ich nickte knapp. Er öffnete das Zelt und ich blickte auf einen Himmel, der alle Farben der Rotpalette präsentierte. Das stimmte mich ein wenig gnädiger, und ich lächelte.
Um mir nicht noch weiter sein Geschwafel über seine Familie anhören zu müssen, nahm ich unsere Becher und meldete mich freiwillig für den Abwasch. Ich stand vor dem Zelt und blickte in den Himmel. Die Wolken hatten sich verzogen und ich stellte fest, dass ich das erste Mal seit langem Zeit hatte, den Himmel zu betrachten. Traurig.
Nach drei Schritten Richtung Waschhäuschen schrie ich auf. Wie ein Mädchen! Also eins von denen …
„Was ist?“ Er war sofort bei mir. Ich zeigte auf den Boden. Er lachte. „Das ist doch auch nur ein Schlauch mit Spitzen anne Öffnung.“ Wo nahm der immer diese bescheuerten Ausdrücke her? Er hob die Schlange auf und brachte sie zum Waldrand. Ich sah ihm stumm nach, dann wieder zum Himmel.
Als er zurückkam, ging er zurück zum Zelt und sagte nur: „Lass dich nicht hetzen!“
Ich starrte immer noch nach oben.
Nach dem Abwasch hatte ich mich zu einem Spaziergang überreden lassen. Aber nur, weil es sonst nichts zu tun gab, und ich die Hoffnung hatte, einen Fluchtweg zu entdecken. Ich wäre sogar per Anhalter bei irgendeinem Trucker mitgefahren. Das konnte nicht schlimmer enden, als das hier bereits war.
„Als ich dich das erste Mal gesehen habe“, riss er mich aus meinem Traum von einer heißen Badewanne, „habe ich gedacht, was für ein steiler Zahn du bist.“
„Oh man, wer sagt denn sowas?“
„Das ist doch ein Kompliment!“
„Erst wenn, der siebte Kreis der Hölle die gleiche Temperatur erreicht hat, wie meine ganz persönliche! Und das wären heute …“ Ich blickte auf das Thermometer meiner Uhr. „… vier Grad.“
Er schwieg. Immerhin etwas.
„Was ist mit einem Mixtape? Ist das auch blöd?“
Ich dachte kurz darüber nach. „Nein, das ist ganz süß, wenn du aus den 80ern anreist und einen Kassenrekorder dabei hast.“
Seine Augen strahlten und ich wusste, dass ich etwas Schlimmes angerichtet hatte.
Wir gingen weiter und ich war dankbar, dass er schwieg. Der Wald war wunderschön und ich genoss die Stille. Tatsächlich sagte er kein Wort auf dem restlichen Weg und ich begann, ihn ein wenig zu mögen.
Wir kamen auf dem Rückweg an dem Parkplatz vorbei, wo er den alten Volvo abgestellt hatte. Und alle Worte, die er während unseres Spaziergangs gespart hatte, kamen nun beinahe gleichzeitig über seine Lippen.
„Oh nein! Mein Auto! Das kann doch nicht sein. Es ist nur geliehen. Meine Oma hat es mir extra für dieses Wochenende gegeben. Ohhhh, sie wird mich umbringen. Sie wird mir nie wieder irgendetwas leihen. Nein, viel schlimmer! Sie wird mir nie wieder selbstgemachtes Apfelmus kochen! Nein, nein, nein!“
Ich musste lachen. Sein Auto war seitlich in den kleinen Kanal gerutscht und wurde gerade vom Betreiber des Platzes geborgen, und er machte sich Sorgen um Apfelmus. Der Betreiber lehnte lässig auf der Fensterbank des kleinen Kiosks und hielt ihm einen Zettel hin.
„Hier, Abschlepp- und Kanalgebühr. Macht dreihundertfünfundzwanzig Euro.“
Der Verlust seines Autos und von Omas Apfelmus schien ihn nur kurz aus der Bahn geworfen zu haben. Zurück am Zelt holte er seinen Schlafsack und bot mir einen Platz an.
Konnte ihn denn nichts aus der Ruhe bringen? Wir saßen hier auf dem beschissenen Campingplatz fest. Ich wollte am liebsten eine Runde heulen, aber da war ich leider gar nicht der Typ für.
„Hast du Hunger oder bist du noch satt von dem tollen Frühstück?“ Er schichtete Holz für ein Feuer auf.
„Na, Völlerei war das ja nicht gerade.“
„Nein, das ist auch gut so. Das ist Sünde.“
Ich sprang auf die Füße und ging ein paar Schritte, denn sonst konnte für nichts mehr garantieren.
Ob Glück oder Pech war Ansichtssache, aber das Zelt stand ein paar Sekunden später in Flammen. Der Benzinkanister daneben tropfte lustig vor sich hin. Die sturmgraue Wolke nach der Explosion war wunderschön.
„Reicht’s jetzt endlich mit Camping? Zelt weg, Auto weg? Dann können wir ja wohl abreisen!“ Ich hatte so die Schnauze voll.
„Ja, wir sind hier fertig“, antwortete er zu meiner Überraschung. „Ich wollte dich kennenlernen, aber wir Normalsterblichen haben ja keine Chance!“
„Was soll das denn heißen?“
„Ihr lest immer die Bücher mit durchtrainierten Vampiren. Da kann so einer wie ich ja nicht mithalten.“ Er schob sich die Brille nach oben.
„Es liegt nicht an deinen Muskeln“, versicherte ich. „Ganz bestimmt nicht!“ Ich ging Richtung Wald und sah, dass er Schnappatmung bekam.
„Du hast doch wohl nicht auch noch Schiss, durch den Wald zu laufen?“ Zögerlich kam er mir hinterher und wir betraten den dichten Wald. Der blaue Himmel war kaum noch zu sehen. Es waren definitiv nicht die fehlenden Muskeln.
Ich folgte dem kleinen Pfad durch den Wald und versuchte mit meinem Handy den Weg in die Zivilisation zu navigieren. Ziemlich erfolglos, denn der Wald lag im allgemeinen Flickenteppich des Handynetzes mitten in einem Funkloch. Kurz hatte ich doch wieder Sehnsucht nach dem Campingplatz.
„Denkst du in der Natur auch über die Vergänglichkeit des Lebens nach?“, kam es irgendwann von hinten. Und ich hatte mich gerade gefreut, dass er so wunderbar still war.
„Meine Natur besteht aus Beton und Stahl. Daran ist nichts vergänglich.“
„Oh, das klingt traurig.“
„Jetzt werd mal nicht philosophisch.“
Ein Sonnenstrahl hatte sich durch die Baumwipfel gekämpft. Aus dem Schattenlicht vor mir trat ein weißer Hirsch auf den Weg.
Er stürmte sofort nach vorne zu dem Tier, stolperte über eine Baumwurzel und fiel der Länge nach in das Laub. Ich hätte schwören können, dass der Hirsch eine Augenbraue hochzog. Dann senkte er den Kopf und schnaubte. Ich zuckte nur mit den Schultern.
Der Hirsch trabte entspannt davon und mein Begleiter rappelte sich hoch. Seine Hände waren blutverschmiert und er hatte seine Brille verloren.
Zu meiner Überraschung wischte er sich über die Hose, setzte die Sehhilfe auf und ging weiter.
„Kommst du?“, fragte er.
Ich hatte eigentlich erwartet, dass er anfing zu heulen, aber das erste Mal an diesem verteufelten Wochenende überraschte er mich positiv.
Es wurde immer dunkler, je tiefer wir in den Wald hineingingen. Ich verfluchte meine Impulsivität. Hätte ich auch nur eine Minute nachgedacht, wäre mir klar gewesen, wie dumm diese Idee war.
„Wir sollten uns einen Unterschlupf für die Nacht suchen. Warte kurz.“ Damit verschwand er ins Dickicht und ließ mich zurück. Es war kalt und auch einen Hauch gruselig, wenn ich ehrlich war. Wo war er hingegangen?
„Ok. Ich hab‘ was.“
Ich schrie auf vor Schreck. „Schleich dich nicht so an!“
Er grinste. „Ich bin wie eine Katze auf Samtpfoten!“
„Ich bin allergisch gegen Katzen.“ Man, hatte ich das Bedürfnis, ihm ein Messer in den Rücken zu rammen.
Den Unterschlupf schienen Kinder gebaut zu haben. Die kleinen Rotzlöffel hatten eine Decke, eine halbvolle Flasche Cola und eine Tasse dagelassen. Leider nichts zu essen.
„Hast du Hunger?“
„Geht schon.“ Meine Befürchtungen, was er mir anbieten würde, waren größer als mein Hunger.
„Ich besorg‘ uns was. Mach du das Haus schön!“ Er lachte und zeigte auf ein paar Stöcke.
Bevor ich ihm sagen konnte, wohin ich die gerne schieben wollte, war er auch schon weg.
Dieser Abend war wohl der schlimmste des ganzen Ausflugs. Erst gab es gebratenes Eichhörnchen am Spieß und dann schnarchte er die ganze Nacht wie ein Bulldozer, während ich wachlag und mich fragte, wie er unser Abendessen wohl gefangen hatte.
Ich hatte kurzfristig überlegt, ob ich ihn im Schlaf erstechen sollte, aber die Vorstellung, mit hundert anderen Menschen eingesperrt zu sein und von Plastiktellern zu essen, rief leichte Beklemmungen hervor.
Ich krabbelte aus dem kleinen Unterschlupf. Die Fliegen surrten um die Überreste des gebratenen Eichhörnchens herum und ich musste würgen.
„Willst du ohne mich weitergehen?“, kam die Frage von drinnen.
Keine schlechte Idee eigentlich.
„Ja, schon, aber ich bin zu gut erzogen“, rief ich zurück.
Ich sog die kühle Morgenluft ein. Einzelne Strahlen goldenen Sonnenlichts fielen durch die Wipfel und trafen zielsicher den Boden zu meinen Füßen. Die Staubkörner tanzten darin, wie um den Tag zu begrüßen. Ich legte den Kopf schief. Es hätte wirklich schön sein können, wenn nicht …
„Ich geh erstmal pinkeln.“
„Du gehst rechts und ich links“, schlug ich vor.
Wir standen an einer Weggabelung und meine gute Erziehung und Geduld hatten mich schon lange verlassen. Die Zeit mit ihm fühlte sich an wie ein Kaugummi unter dem Schuh, das mich bei jedem Schritt an den Boden klebte und sich endlos zog.
„Wir trennen uns doch nicht! Das ist viel zu gefährlich!“
„Ok“, seufzte ich und fragte mich, ob die Antwort, Zeichen meines einsetzenden geistigen Verfalls war.
Wir liefen also weiter.
„Hörst du das?“, fragte er irgendwann aufgeregt wie ein Kleinkind. „Wasser!“
Wir traten zwischen den Bäumen hervor und standen wieder am See.
„Kill me now“, murmelte ich.
Es war unfassbar, dass der Typ noch weniger Orientierungssinn hatte als ich. Aber hier standen wir und blickten auf eine Gruppe Hippies samt Bulli und Lagerfeuer an unserem See.
„Wer sind die denn?“, fragte er, und ich zuckte mit den Schultern. Wortlos näherte er sich und entriss einem die Gitarre.
„Nich knorke, Brudi!“ antwortete der Musiker.
„Ist das Rauschgift?“
„Verordnetes Gras“, erwiderte der Zweite und zog an einem Joint.
„Trink erstmal Mate-Tee“, sagte ein Dritter.
Die Fäuste meines Begleiters ballten sich, dann schlug er zu. Blut spritzte als die Nase des Musikers brach und die Gitarre am Schädel des Mate-Tee-Hippies zersplitterte.
Ich fragte mich, wie schlimm es war, dass mich das jetzt anmachte.
Die Augen des Grasrauchers wurden groß, als dieser den Stiefel meines Begleiters ins Gesicht bekam.
„Verpisst euch jetzt, bevor ich sauer werde!“, brüllte er die drei an.
„Du hast gerade unsere einzige Mitfahrgelegenheit vermöbelt!“, schrie ich meinerseits.
Das Geräusch, wie er das gebratene Eichhörnchen hochwürgte, ließ mich aufschrecken. Ich saß in den fliegenden Funken des Lagerfeuers und hatte mit offenen Augen geschlafen. Dass er es fangen konnte, hätte mir schon zu denken geben müssen. Ich wusste nicht, dass gammeliges Eichhörnchen mich auf so einen Trip schicken konnte.
Ich saß am Lagerfeuer und ließ dieses Wochenende an meinem inneren Auge vorbeiziehen. Ein Lachen entfuhr mir. Mein Blick ging hoch zu den Sternen am Nachthimmel. Gleichzeitig lief mir eine Träne über die Wange.
„Es tut mir leid, dass unser Ausflug in so eine Katastrophe ausgeartet ist“, erklang seine Stimme neben mir, und ich zuckte zusammen.
„Ja, man muss halt aufpassen, was man sich wünscht. Ich wollte ein aufregendes Date, das am Ende zu nichts führt.“
„Das hätte auch anders kommen können!“
„Ja, genau.“ Meine Stimme troff vor Sarkasmus.
„Weißt du was, du bist wie Schokolade. Man will sie unbedingt, und dann beißt man rein, und es ist irgendeine eklige Sorte mit Orange, Brokkoli und Eierlikör.“
Das hatte gesessen. Aber wo er recht hatte …
„Es tut mir ernsthaft leid, dass ich so eine Enttäuschung bin. Aber der Ausflug mit dir, war jetzt auch nicht gerade ein Sonnenaufgang. Du hast ungefähr so viel Elan wie eine Sanddüne“, feuerte ich zurück.
„Dachtest du, dass wir beim Camping die Korken knallen lassen, oder was?“
Ja, was hatte ich eigentlich erwartet? Suchte ich mit Absicht immer die Typen aus, die mich enttäuschen würden?
„Keine Ahnung“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Wir müssen hier weg. Auf der anderen Seite des Sees ist ein Örtchen.“ Er begann sich auszuziehen.
„Brennt dir der Helm? Das Wasser ist arschkalt! Wir gehen dieses Mal die Straße entlang.“
Wir liefen seit Stunden schweigend die Straße hinunter. Es war klar, dass wir diesen Ausflug als absolute Katastrophe abschreiben mussten. Ich fror und hatte Hunger.
Durch die Wipfel der Bäume sah ich Rauch, der aufstieg. „Was ist das da hinten?“
Hoffnung keimte auf. Selbst, wenn es das Haus einer Hexe war … Alles war besser als das hier.
„Oh, ganz schlimm! Das ist so ein Wellness-Schuppen für Reiche und Versnobte!“ Er schüttelte sich.
In mir tobte ein Krieg aus Methoden, wie ich ihn am besten umbringen konnte. „Du meinst, ich könnte seit Tagen in einem Raum mit Heizung in einer Badewanne liegen und Bananen Daiquiris trinken?“
Ich sah den kleinen Pfad, der in Richtung der Wellness-Oase führen musste. Immer den Rauch des Schornsteins im Blick, rannte ich los. Und wenn es am Ende nur eine Zinnwanne vor einer Blockhütte war …
„Warte doch! Du willst doch nicht wirklich zu diesem Kommerzkur-Tempel?“
Doch wollte ich. Ich rannte weiter und die Spinnennetze verfingen sich in meinen Haaren. Ich konnte den Champagner schon fast schmecken.
„Wir können da nicht hin!“, rief er erneut.
„Pass mal auf, die letzten drei Tage waren schlimmer als Kidnapping. Ich will jetzt Zivilisation, etwas zu essen und ein Bett. Ich will frei sein.“
„Frei?“ Er lachte.
Ich schlug mich durch das Dickicht, bis ich es fand. Die Sonne war wie ein göttliches Licht, das auf das Wellness-Schlösschen fiel. Fast hätte ich angefangen zu heulen.
Wahrscheinlich würden sie mich gar nicht reinlassen, so wie ich aussah. In meinem Haar hingen Blätter, Spinnennetze und Federn.
„Bitte, geh da nicht rein!“, erklang seine Stimme hinter mir.
„Bist du irre? Wir schaffen es niemals ohne Hilfe zurück. Willst du, dass wir verrecken? Eine Massage, Sauna und ein Drink sind quasi lebensrettende Sofortmaßnahmen.“
Er sah mich an und … waren das Tränen? Er streckte seinen Arm aus und hielt mir eine Blume hin. „Bitte!“
Bevor ich ihm sagen konnte, wohin er sich sein trauriges Blümchen stecken konnte, kam eine Frau in einem rosa Kittel die Treppe hinunter und sah mich entsetzt an.
„Was ist mit Ihnen passiert?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, zog sie ein kleines Gurkenglas aus der Kitteltasche, fummelte zwei Scheiben heraus und presste sie auf meine Augen. Sie rochen nach Rosen. Sofort entspannte ich mich.
„Paul? Willst du zu deiner Mutter? Sie ist im Büro“, hörte ich ihre herablassende Stimme.
Die Gurkenscheiben rutschten zu Boden, als ich vor Schreck die Augen öffnete.
„Mutter?“ Das Wort schallte wie eine Explosion über die Lichtung.
„Du hast mich auf den ranzigen Campingplatz entführt und wir hätten hierherkommen können?“ Ich starrte Paul immer noch ungläubig an.
„Nein, hätten wir nicht. Ich habe damals eine Entscheidung getroffen und werde keinen Fuß da reinsetzen.“
Das Schicksal meinte es nicht gut mit mir. Da traf ich den Erben eines gut laufenden Unternehmens und er … hatte eine „Entscheidung“ getroffen.
„Paul!“ Eis durchschnitt unsere Stille.
Eine Frau mit blondem, scharfkantigen Bob thronte auf der Treppe und blickte kalt auf uns herab. Mich fröstelte es. Paul stand wie angewurzelt da, als wäre zwischen ihm und ihr eine unüberwindbare Mauer.
„Wer ist das? Bist du verheiratet?“, keifte ich.
Die Frau hatte diesen schneidenden Ton an sich. Wie ein Schwert, das ihn gerne entmannen wollte. So stellte ich mir eine Ehefrau vor. Außerdem war sie zu jung, um …
„Ich bin seine Mutter“, antwortete sie für ihn. „Aber danke für das Kompliment. Wir haben gute Gene. Das einzige Erbe, das er sehen wird.“
Paul schnaubte und murmelte etwas vom Zahn der Zeit, gestoppt durch Botox.
Ich sah zwischen den beiden hin und her. Es bestand eine gewisse Ähnlichkeit. Aber nur äußerlich.
„Also, Paul? Was willst du?“
Pauls Blick wanderte zu mir.
Ich überlegte kurz, ob mein üblicher Sarkasmus bei dieser Gebieterin über Dämonen und Dunkelheit angebracht war. Seine Mutter erklärte sofort, warum Paul … na ja, eben so war, wie er war.
„Paul will gar nichts. Wir waren wandern und ich bin falsch abgebogen“, beantwortete ich ihre Frage.
„Ich bin mir sicher, dass Paul derjenige war, der falsch abgebogen ist. Der verläuft sich doch in seiner eigenen Wohnung.“ Ihre Stimme war immer noch Eis.
Ich lachte. „Also, an seiner Stelle würde ich nur mit einer Mistgabel und brennenden Fackel in diesen Schoß der Hölle zurückkehren.“
Innerlich polierte ich meinen Heiligenschein.
„Paul, ich hätte nicht gedacht, dass du dir eine Frau an Land ziehst, die mehr Eier hat als du. Ich bin beeindruckt. Auf der anderen Seite lag die Latte auch extrem tief. Wie dem auch sei. Tee?“
„Ja, aber lass den Schwefel weg“, erwiderte Paul gelassen und marschierte an uns vorbei.
Hatte er nicht betont, dass er den Schuppen nie wieder betreten würde? Ein Mann mit haselnussbraunen Augen und Vollbart empfing uns in der Eingangshalle. Er umarmte Paul.
Es gab also auch einen Mr. Teufelshexe. Wie hatte er es geschafft, seiner Frau nachts noch kein Kissen aufs Gesicht zu drücken?
Pauls Mutter führte uns tiefer in das Herrenhaus, und in meinem Kopf sang jemand Highway to Hell. Fast hätte ich gelacht.
Wir betraten ein Kaminzimmer, in dem ein Feuer prasselte, und das erste Mal, seit wir aufgebrochen waren, wurde mir wieder warm.
„Also Paul, hat dein schwacher Charakter dich hergetrieben oder brauchst du Geld?“, fragte die Frau, der ein Backstein im Gesicht hervorragend stehen würde.
„N…Nichts von beidem.“
„Jetzt fang nicht wieder an zu stottern. Wir haben viel Geld und Mühe in die Therapie investiert.“
„Schade, dass Sie die Ursache nicht erkannt und ausradiert haben.“
Paul lächelte. Ich lächelte zurück.
„Wie bitte?“, fragte Pauls Mutter mit einem eisigen Blick. Die Flammen des Kaminfeuers warfen Schatten, die über ihr Gesicht tanzten. Mich hätte es nicht gewundert, wenn sie sich in einen Drachen verwandelt hätte.
„Sie haben mich schon verstanden“, erwiderte ich gelassen.
„Paul, du wagst es, diese impertinente Person herzubringen?“, wandte sie sich an ihren Sohn.
„Na, ich dachte, sie passt hier gut rein. Vor allem, weil du von mir so maßlos enttäuscht bist.“
Ich lachte laut auf und Stolz schwelte in mir. Paul hatte sein Schwert gezogen und es dem Drachen ins Fleisch gerammt. Der konnte nur noch röcheln.
Der Drachen schnappte immer noch nach Luft, die smaragdberingte Hand auf der Brust. „Wie kannst du so etwas sagen? Haben wir nicht alles für dich getan?“
Mr. Drachen räusperte sich im Hintergrund. „Edwina, nun lass den armen Jungen doch …“
„Halt du dich da raus. Du hast ihn nur verwöhnt, und ich musste die ganze Erziehungsarbeit leisten.“
Die Worte klangen, wie eine altbekannte Melodie, die in vielen Haushalten gesungen wurde. Pauls Vater presste die Lippen zusammen, und ich sah kleine Schweißperlen, die sich wie Tau auf seiner Stirn sammelten.
„Paul, sieh zu, dass du sie loswirst. Sie hat einen schlechten Einfluss.“
Paul sah zu mir hinüber. „Sie gehört mir nicht und kann tun und lassen, was sie möchte.“
Ich sah zu Boden und wünschte, die Erde würde sich auftun. Paul war nett und aufmerksam. Dass er nicht solch ein Kühlschrank wie seine Mutter geworden war, grenzte an ein Wunder. Und ich hatte mich benommen wie ein absolutes Miststück.
„Dann hast du sie nur mitgebracht, um mich aufzuregen?“ Sie seufzte theatralisch.
„Ja, das ist mein einziger Lebensinhalt!“ Schweigen. „Die Welt dreht sich nicht nur um dich.“ Er schaute mich an. „Komm, wir suchen uns eine Dusche und ein Bett. Also zwei Betten.“
Ich folgte Paul zurück in den Eingangsbereich. Er schnappte sich zwei altmodische Zimmerschlüssel vom Brett und anschließend entwendete er eine Flasche teuer aussehenden Gin aus der Bar.
Mein Zimmer war eine Offenbarung. Er goss Gin in zwei Gläser mit Eiswürfeln. Der Geschmack von Luxus und Wonne floss über meine Zunge.
„Wenn es deine Mutter noch weiter in Rage bringt, können wir einen Priester holen und sofort heiraten“, scherzte ich.
Paul schluckte hart. „Der würde sofort in Flammen aufgehen, und wir müssten seine Asche in die Kanalisation entsorgen, damit seine Seele den Weg zum Meister meiner Mutter findet.“
Ich lachte los.
Er lachte nicht.
Vor dem Fenster zogen dunkle Wolken auf, als hätte sie jemand herbeigerufen, um die Dramatik zu unterstreichen. Dieses Wochenende fühlte sich wie ein Fiebertraum an.
Wortlos schütteten wir den Gin in uns hinein. Ich hoffte, dass er meine Schuldgefühle ertränkte, weil ich Paul praktisch gezwungen hatte, die Hölle seiner Kindheit zu betreten.
„Es tut mir leid“, murmelte ich in mein Glas.
„Mir auch.“
„Was?“
„Es war vielleicht etwas überenthusiastisch im November campen zu gehen.“ Er lachte auf aber, aber es lag nicht Fröhliches darin. Nur Bitterkeit.
Ich sah eine Träne, die sich in seinen Wimpern verfangen hatte.
Ich nahm ihm sein Glas aus der Hand und stellte es zu meinem auf den teuren Mahagonitisch.
Paul beobachtete jede meiner Bewegungen. Die Anspannung in seinen Schultern war verräterisch. Er traute mir nicht. Sein Körper war in Alarmbereitschaft, wartete auf den Angriff.
Vorsichtig berührte ich seine Hand, als würde ich mich einem wilden Tier nähern. Mein Daumen strich über die lange Narbe und Paul zuckte kurz zusammen.
Sein Atem war zittrig.
„Wie wäre es, wenn wir heute Nacht das Auto und die Kreditkarte deiner Eltern stehlen und uns ein richtiges Hotel suchen?“
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Diese Geschichte wächst jede Woche. Folge Charlotte auf Instagram, um live dabei zu sein.
@charlotte.van.ellis.autor auf Instagram