Schatten
Wir hatten uns gerade zum Abendessen zusammengefunden. Die Trostlosigkeit des Abends störte mich nicht weiter. Die feuchte Luft und die Kälte schon. Die Straßenlaternen warfen bereits ihr schwaches Licht auf die Straße und das Nass des grauen Asphalts strahlte ein penetrantes Weiß ab. Wir hielten uns lieber im Schatten der Durchfahrt auf. Ich würde gerne sagen, weil der Tod hier für meinesgleichen nicht omnipräsent war, aber das entspräche heute nicht der Wahrheit.
Marie sah ihn und ging zögerlich auf ihn zu. Seinen Namen kannte ich nicht. Er saß schon eine ganze Weile da und bewegte sich nicht mehr. Vor einer Stunde war er noch lebendig und redete. Er redete viel. Menschen redeten durchaus öfter mit uns, als man vermuten könnte.
„Sie spricht nicht mit mir. Sie arbeitet nur. Es ist, als wenn es sie völlig kalt lässt.“ Er lehnte sich kurz an die Hauswand und kratzte sich am Kopf. Ich pickte einen Krümel vom Boden auf. Weißbrot. Er drückte sich von der Wand ab und lief drei Schritte auf mich zu, um sich dann abrupt umzudrehen und zurück in sein Revier an der Hauswand zu gehen. Er bewegte sich schnell und seine Arme gestikulierten wild.
„Was soll ich tun? Was soll ich tun?“ Er redete leise. Er hielt etwas Schweres in der Hand, das im Licht der Laterne glänzte. Ich pickte ein Körnchen auf. Er kam wieder zu mir herüber, aber dieses Mal hockte er sich hin und sah mich an. Ich legte den Kopf schief. Seine Unterarme hatte er auf seine Oberschenkel gelegt und das Metallding schaute in meine Richtung. Ich blickte in einen kleinen, schwarzen Tunnel. Er zog an einem Hebel und der bauchige Teil drehte sich einen Klick weiter.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“, fragte er mich.
Autos. Definitiv Autos hätte ich gerne geantwortet. „Guruh“, kam stattdessen aus meinem Schnabel.
„Exakt“, sagte er. „Es ist, als wenn ich allein auf der Welt bin. Sie lebt ein anderes Leben. Sie ist nicht da und sie redet nicht mit mir darüber. Als wäre es nicht passiert.“ Er fuchtelte mit dem Tunnel vor mir herum und mein Kopf folgte der Bewegung. Es war beinahe hypnotisierend.
Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und Regentropfen liefen aus seinen Augen. Er presste seine Fäuste kurz gegen seine Stirn. „Ich vermisse sie so sehr.“ Der Regen tropfte auf den Boden und sein Gesicht sah verzerrt aus. Dann sah er in den Tunnel.
„Was soll ich tun?“, fragte er.
„Guruh“, erklärte ich.
„Du hast recht.“ Er lachte kurz auf. „Ich habe alles versucht. Die Marie von früher kommt nicht zurück. Ihr Leben geht weiter – ohne mich – und Hannah hat es nie gegeben. Wir haben nicht zusammen gehofft, dass sie überlebt. Wir haben nicht zusammen an ihrem Bett gesessen und gebetet.“
Er ließ sich nach hinten fallen und lehnte sich gegen die Wand. Er saß gerade noch so eben im Schatten unseres Torbogens und starrte in die Leere vor sich.
„Marie“, flüsterte er.
Dann gab es einen ohrenbetäubenden Knall und die Luft nahm einen metallischen Geruch an. Wir stoben auseinander und flatterten panisch davon. Wir flogen über die Bäume hinweg und in einer Ellipse zurück unter den Torbogen. Die Gier nach Futter war stärker als die Abneigung gegen den Eindringling und die olfaktorische Störung.
Sein Kopf war nach vorne auf seine Brust gesackt und ich konnte mir leicht vorstellen, dass er dort nur schlief. Er wäre nicht der erste.
Marie sah ihn ungläubig an. Wenn er ihr gesagt hatte, was er mir erzählt hatte, dann sollte sie nicht so überrascht sein. Vielleicht hatte sie nicht zugehört. Vielleicht war es gar nicht Marie.