Stille
Sie schloss die Haustür zu ihrem kleinen Reihenhaus auf. Der Flur war eng und sie musste sich seitlich hindurchbewegen, um die schweren Jutetaschen, die über ihren schmalen Schultern hingen, hindurchzumanövrieren. Ein Schweißtropfen rann an ihrer Schläfe hinab und kitzelte sie. Sie zog die Schulter nach oben und legte den Kopf schief, um ihn abzuwischen. Es gelang ihr gerade als sie durch die Tür zum Wohnraum trat. Der Henkel der linken Tasche verfing sich in der Klinke und riss sie zurück. Die Tomaten sprangen aus ihrem Beutel und rollten über den Boden. Stella stütze sich an der Wand ab, um einen Sturz zu vermeiden. Das schmatzende Geräusch unter ihrem Schuh verriet ihr, dass es dennoch ein Opfer gab.
„So eine verdammte Scheiße“, fluchte sie laut. Am liebsten hätte sie beide Taschen auf den Boden geworfen, wäre ins Bett gegangen und hätte sich die Decke über den Kopf gezogen.
Sie zerrte den Griff aus der Klinke und stapfte in die Küche. Die Taschen hievte sie auf die hölzerne Anrichte. Stellas Blick fiel auf das Gesicht ihres Mannes. Ein leichtes Lächeln umspielte seinen Mund und ließ sein schönes Gesicht leuchten.
„Hör auf zu Lächeln. Weißt du eigentlich, wie ätzend das ist, alles alleine zu machen?“ Sie war bemüht ihre Wut zu zügeln. Sie atmete tief durch. Er antwortete nicht, sondern blickte sie nur aus seinen dunklen Augen an. Und dieses Lächeln. Dieses verdammte Lächeln.
„Hör auf, mich anzulächeln! Du hast keine Ahnung wie das ist!“ Ihre Wut kochte erneut hoch, auch wenn sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, ihn anzuschreien. Er würde sich nicht an diesem Gespräch beteiligen. Aber das war ihr egal. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
„Ich hab keine Lust mehr. Du bist ein rücksichtsloses Arschloch. Du lässt mich mit allem allein. Ich kümmere mich um jeden Mist und ich das kotzt mich an! Es ist nicht nur der verfluchte Haushalt.“ Sie machte eine Pause, um Luft zu holen. Stella sah ihn wieder an und wieder bekam sie keine Reaktion. Die Stille im Raum dröhnte und drohte, sie zu erdrücken.
„Die Kinder…“, sie schluckte, „ich spiele den ganzen Tag das scheiß Taxi und dann gibt es noch Gemecker, weil das Essen nicht schnell genug fertig ist. Ich fahre zu jedem verdammten Arzttermin, zu jeder Schulveranstaltung. Wann hab ich denn mal Pause? Wann kann ich endlich mal etwas für mich machen? Schlafen zum Beispiel. Ich würde gerne mal wieder eine verdammte Nacht durchschlafen. Ich würde gerne… ich würde…“ Stellas Atem ging schnell und die Tränen liefen über ihre Wangen. Tränen der Wut, der Enttäuschung, der Einsamkeit.
„Scheiße! Ich will, dass du hier bist. Ich will, dass du mir hilfst. Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Ich hab keinen Bock mehr auf diesen ganzen Mist!“ Sie schrie jetzt. Ihre Hand griff nach der kleinen Vase, die er ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt hatte. Sie hatten sie auf einem kleinen Flohmarkt in der Bretagne entdeckt. Die Vase flog gegen die Wand hinter ihm. Er verzog keine Miene. „Ich hasse dich.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
Sie nahm das Bild vom Regal und strich darüber. Ihre Tränen tropften auf das Glas, das sein Gesicht von ihren Fingern trennte. „Wie konntest du mich einfach so allein lassen?“ Die Frage war so ungerecht, wie sie unbeantwortet blieb. Sein leises, liebevolles Lachen huschte durch ihre Erinnerungen.